Kassiber über den Umsturzversuch des 20. Juli 1944 - Oberst i.G. Alexis Frhr. von Roenne aus der Haft 1944

Gedanken von Oberst i.G. Frhr. von Roenne (1903 - 1944) über die Hintergründe des Umsturzversuches vom 20. Juli 1944 und die Motive der Verschwörer. Geschrieben hat von Roenne dieses Kassiber, also eine heimlich geschmuggelte Nachricht aus dem Gefängnis, im Oktober 1944 kurz vor seiner Hinrichtung.

Neben den 150 bis 200 Personen, die sich aktiv an der Vorbereitung und der Durchführung des Attentates und des Staatsstreichversuches vom 20. Juli 1944 beteiligten, gab es eine große Anzahl von Mitwissern, die in die Pläne eingeweiht waren, aber nicht am Umsturz mitwirkten. Freiherr von Roenne, Chef der Abteilung "Fremde Heere West" im Oberkommando des Heeres, zählte zu jenen, die von den Umsturzvorbereitungen Claus Schenk Graf von Stauffenbergs und seiner Vertrauten gewusst und sie befürwortet haben, und die allein für dieses Wissen vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet worden sind.

Alexis Freiherr von Roenne wuchs in Kurland auf und zog 1918, nach der russischen Revolution, mit seinen Eltern nach Deutschland. Von 1924 bis 1935 diente er im Potsdamer Infanterieregiment 9 – einer Traditionseinheit, aus der viele der späteren Verschwörer kamen. Nach Absolvierung der Kriegsakademie wurde er in den Generalstab berufen und der Abteilung Fremde Heere West im Oberkommando des Heers zugeteilt. Nach verschiedenen Verwendungen und einem längeren Krankenhausaufenthalt nach einer Verwundung von der Ostfront wurde er 1943 zum Oberst und zum Chef der Fremden Heere West befördert. Das brutale Auftreten der SA- und der SS-Truppen im Inneren lehnte von Roenne ab. Die Kriegsvorbereitungen, den „Anschluss“ Österreichs und die Sudetenkrise 1938 hatte er mit zunehmender Sorge vor einem drohenden Krieg verfolgt. Nachdem er zu Beginn des Ostfeldzuges von Massenerschießungen und Hinrichtungen von Juden erfuhr und mit wachsender Enttäuschung die militärischen Fehlentscheidungen Adolf Hitlers sowie die Tatenlosigkeit der hohen Militärs beobachtete, distanzierte er sich endgültig vom Nationalsozialismus und dem Regime. Von Roenne war nicht nur in seinem Umfeld, sondern auch bei den Nationalsozialisten als Regimegegner bekannt. Er hatte zu den zentralen Personen des militärischen Widerstandes Kontakt und war über die Umsturzpläne informiert. Aus Gewissensgründen lehnte er jedoch eine aktive Teilnahme an einer gewaltsamen Beseitigung des Regimes ab. Da seine politische Haltung bekannt war und er sich zudem in den Tagen um den 20. Juli 1944 im Bendlerblock, der Umsturzzentrale, aufgehalten hatte, wurde er unmittelbar nach dem Attentat verhaftet. Kurz darauf wurde er wieder frei gelassen, doch Anfang August 1944 erneut festgenommen. Die Gerichtsverhandlungen vor dem Volksgerichtshof vom 19. und 20. September 1944 verliefen zunächst sachlich. Erst als Roland Freisler, der sich mit dieser Verhandlung nicht einverstanden zeigte, die Prozessführung als Präsident des Volksgerichtshofes übernahm, wurde von Roenne am 5. Oktober 1944 zum Tode verurteilt. Eine Woche später, am 12. Oktober 1944, wurde er in Plötzensee hingerichtet.

Das Militärhistorische Museum hat die bisher unveröffentlichten Kassiber, die von Roenne in seiner Gefängniszelle an seine Frau schrieb, als Leihnahme aus Privatbesitz gewinnen können. Ausführlich beschreibt von Roenne die für Deutschland aussichtslose militärische Lage im Sommer 1944 und immer wieder spricht der gläubige Christ von der schweren Schuld, die das deutsche Volk in diesem Krieg auf sich geladen hat. Er versucht seiner Frau die Motive und die Ziele der Verschwörer und die Notwendigkeit ihres Handelns zu erklären. Die Kassiber wurden zum Teil von seinem Anwalt, der ihn vor dem Volksgerichtshof zu verteidigen hatte, zum Teil aber auch von einem Wärter aus dem Gefängnis heraus geschmuggelt. Dieser Wärter war für kurze Zeit ein Schulkamerad von Roenne in Mitau, im damaligen Kurland gewesen (heute: Jelgava in Lettland). Aus Vorsicht und zum Schutz seiner Helfer unterzeichnete von Roenne seine Briefe nicht, oder nur mit „E.“, dem Anfangsbuchstaben eines nur von seiner Frau genutzten Namens. Der hier vorgestellte Kassiber gibt die subjektive Einschätzung von Roennes über die Motive und Ziele der Verschwörer wieder.

Auszug aus dem Kassiber vom 01. Oktober 1944: „Am 20.7.44 war die Gesamtlage Deutschlands nun überaus ernst geworden. Es war dies militärisch die Folge einer langen Reihe schwerer Niederlagen, die wiederum und ausschließlich auf schwere Fehler der obersten Führung zurückgingen. (…) Sie kosteten zahllosen Soldaten das Leben, beraubten Deutschland seines Vorfeldes und entscheidender Rohstoffbasen und führten schließlich zum Abfall der hoffnungslos gewordenen Verbündeten. (…) Angesichts des Versuchs, diesen Männern [den Verschwörern] nun Schuld an der tötlichen (!) Lage Deutschlands aufzubürgen, ist besonders festzuhalten, dass bei ihrem Antreten zum Umsturz die Russen bereits an der Reichsgrenze standen, die Angelsachsen ihren entscheidenden Durchbruch in der Normandie (auf Avranches) erzielt hatten und die Türkei bereits im feindl. Lager stand, während Finnland, Rumänien und Bulgarien infolge der Niederlagen ihre Abmachungen mit dem Feind fixierten. Der Umsturzversuch war also nicht Anlass sondern Folge der tötlichen (!) Gesamtlage! (…) Furcht, eigene Ziele und Ehrgeiz konnten nicht die Triebfedern eines Entschlusses sein, der in dieser Form auf Leben und Tod ging und dem Einzelnen, meist in hoher, angesehner Stellung befindlichen, keinerlei persönlichen Vorteil zu erbringen vermochte. Es ging nur um Deutschland und und (!) dabei vor Allem um die Kernfrage: wie man Land und Volk vor dem Russeneinbruch und der Zerstückelung retten könne. (…) Sicher ist, dass sie vernunftgemäße Grundlagen hatten, und dass die Beteiligten nur um ihres Volkes Todesnot willen ihre schwersten persönl. Hemmungen überwanden (Fahneneid) – Gott hat gegen sie entschieden! Er hat erneut gezeigt, dass auch höchste vaterländ. Ziele die Sünde zur Erreichung nicht rechtfertigen! Er hat vielleicht auch dem deutschen Volk die im Gelingen des Umsturzes vielleicht liegende Rettungsmöglichkeit vor dem Verderben nicht mehr schenken wollen, um seiner schwersten Schuld willen (Antichristentum, Judenmassaker etc.), die es nun nach Jahren vergeblicher Gnade büßen soll! Die Beteiligten haben zum großen Teil den Tod gefunden; sie hätten im Fall des Gelingen unzählbare Anhänger gehabt."

Zuletzt wagt er eine abschließende Beurteilung und Prognose für die historische Bedeutung des Umsturzversuches. Von Roenne vermutet, dass die Gesinnung der Offiziere vom 20. Juli 1944 möglicherweise einmal als geistige Grundlage für den Aufbau eines neuen deutschen Heeres dienen könnte: „Ihre Ziele sind rein gewesen wie ihr Idealismus. Ihre Gesinnung wird vielleicht einmal wieder geistiger Anknüpfungspunkt für ein deutsches Heer in ferner Zukunft werden, denn sie haben bewiesen, dass der deutsche Generalstab sein Volk nicht widerstandslos in’s Verderben führen ließ, sondern sich unter Einsatz seines Lebens vor die Räder warf. Das ist stolz u. zukunftsweisend! Mein eigener Anteil war klein genug: ich habe drei Wochen zuvor etwas erfahren und geschwiegen, weil auch [ich] darin die einzige Rettung Deutschlands und meiner Kinder sah. So falle ich stolz und reinen Gewissens für diese! Gott der Herr hat mir vergeben.“

1964 – 20 Jahre nach dem missglückten Umsturzversuch – würdigte der geistige Vater der „Inneren Führung“ der Bundeswehr, der spätere Generalleutnant Wolf Graf von Baudissin, bei einer Gedenkveranstaltung zum 20. Juli 1944 die Verschwörer als Vorbilder für eine neue Generation von Soldaten: „Gleich manchem anderen, hätte auch ich nie wieder die Uniform anziehen wollen, wenn es nicht jene Soldaten gegeben hätte, die entgegen allen damals geltenden Begriffen und im Gegensatz zur überwiegenden Zahl ihrer Kameraden und Mitbürger ‚das Nessushemd des Widerstandes’ anzogen (…). Hier war eine Gewissensentscheidung getroffen worden, die ihre Rechtfertigung allein aus dem Gesetz sittlicher Verpflichtung bezog. Damit war ein Vorbild bester soldatischer Überlieferung vorgelebt, an das man würde anknüpfen können.“ Der 20. Juli 1944 und der soldatische Widerstand gegen den Nationalsozialismus stellen heute, nicht zuletzt wegen der frühzeitigen Bemühungen Baudissins, eine wichtige Traditionssäule der Bundeswehr dar.

 

Text: Linda von Keyserlingk M.A., Sachgebietsleiterin Schriftgut Fotos: MHM/Meier 20. Juli 2012